Everybody's gone to the Rapture (PS4)
Kurz nach Ethan Carter erschien nun der zweite PS4-exklusive "Walking Simulator", der - soviel sei vorab gesagt - etwas mehr Content mitbringt und insgesamt auch deutlich polierter wirkt. Das Spiel ist aktuell nur als digitaler Download für knapp 20 Euro erhältlich. Sollte man die ausgeben? Wenn man ein Faible für Story-Exploration-Games hat (Genre-Namen hab ich eben selbst erfunden :fettes Grinsen

auf jeden Fall.
In Everybody's gone to the Rapture erkundet man eine fiktive englische Grafschaft, die zunächst angenehm an Drehorte von Inspector Barnaby erinnert. Ungewöhnlich dabei - alles ist menschenleer, allerdings ohne sichtbare Spuren irgendeiner Zerstörung. Geleitet von einer geheminsvollen Lichtkugel, macht man sich auf den Weg, die Geschichte um die Gegend und die verschwundenen Menschen aufzudecken. Dies geschieht im Wesentlichen in Form von akustischen Rückblenden und Audiologs. Dabei erfährt man im Laufe der ca. 5-6 Stunden Spielzeit nicht nur den Grund für das Verschwinden der Bewohner, sondern auch viel über ihre Probleme, Sorgen und Nöte im dörflichen Alltag. Mehr möchte ich an dieser Stelle über die Story inhaltlich nicht sagen.
Die Mechanik, in der die Geschichte aufgedeckt wird, ist nicht ganz frei von Problemen. Die Stärke des Spiels, dass man von Beginn an die komplette Karte frei begehen kann, ist auch gleichzeitig ihre Schwäche. Erkundungsfreudige Naturen werden permanent verleitet, den von der Lichtkugel "empfohlenen" Weg zu verlassen und die Gegend einfach nach eingenem Gusto zu erforschen, nicht zuletzt von der Angst getrieben, ansonsten etwas zu verpassen. Das kann man zwar machen, führt allerdings dazu, dass einzelne Story-Elemente verpasst werden oder sogar ganze Kapitel (es gibt wenn ich richtig gezählt habe 5), nicht richtig beendet werden. Denn immer, wenn man eine neue "Zone" auf der Karte betritt (die Zonengrenze ist nicht erkennbar), wird das nächste Kapitel getriggert, egal, ob man das vorherige abgeschlossen hat oder nicht. Das führte bei mir dazu, dass ich das erste Kapitel nicht beendet hatte, was ich aber gar nicht merkte, sondern erst, als ich das zweite beendet hatte und dabei dann erkannte, was eigentlich auch am Ende des ersten hätte passieren sollen... komplizierte Sache.
Ich mache es kurz - wenn Ihr Everbodys gone to the Rapture selbst spielen möchtet, folgt beim ersten Durchlauf möglichst der Kugel, und schweift dabei nicht zu weit von ihrem Weg ab. Ihr verpasst sonst einfach wesentliche Storyelemente. Der Weg der Kugel ist insgesamt so strukturiert, dass ihr eigentlich alle Wege abgeht und dabei die Häuser und Gärten links und rechts des Weges erkunden könnt. Es gibt keinen Grund wild querfeldein zu laufen, auch wenn man das anfangs glaubt.
Ein weiterer Tipp noch - schaut Euch NICHT die Trophäenliste an, bevor Ihr das Spiel einnmal durch habt. Ihr versaut Euch die Atmosphäre, wenn Ihr nur um irgendwelche Trophäen zu ergattern Dinge in dem Spiel macht, die ihr sonst (garantiert!) nicht machen würdet. Bewahrt Euch diese Experiemte mit der Spielmechanik für einen eventuellen zweiten Durchgang auf!
Das eigentliche Highlight des Spiels ist jedoch seine Präsentation. Der CryEngine sei Dank habe ich noch nie so eine wunderschöne Landschaft virtuell erkunden können. Das Sonnenlicht, die Wolken, die Pflanzen, das Wasser, die Pfützen, der Regen, die im Wind wehenden Bäume und Büsche... es sieht einfach fantastisch aus. Dazu kommt ein wunderbar atmosphärischer Soundtrack, der genau in den richtigen Momenten für Gänsehaut sorgt.
Dazu passend zwingt einen das Spiel zu einem komplett entschleunigten Spielerlebnis. Die Bewegungsgeschwindigkeit ist sehr langsam - man bewegt sich zu Fuß und so fühlt es sich auch an. Es gibt zwar eine (vom Spiel nicht erwähnte) Möglichkeit mit RT etwas schneller zu gehen, aber selbst damit ist man weit weg vom üblichen Gerenne und Gesprinte, was man sonst in der Egoperspektive gewohnt ist.
Entschleunigt ist wohl auch das Schlüsselwort im Bezug auf Everybody's gone to the Rapture. Hier geht es um das entspannte Genießen einer schön erzählten und traurigen Geschichte, deren Finale vielleicht einen Touch zuviel esoterisches Geschwurbel anhaftet, aber die einen aufgrund der fantastischen Präsentation komplett vereinnahmt und in die wunderschöne Landschaft eintauchen lässt.
9/10