Mirror's Edge (nach 1120 von 1250 GS)
Es ist eigentlich nicht meine Art, ein Spiel vor seiner absoluten Fertigstellung zu bewerten, aber ich tue das bei "Mirror's Edge" nun doch mal.
DICE lieferte mit seinem First-Person-Parcour-Actionspiel den bisher einzigen, ernstzunehmenden Vertreter seiner Zunft und was dabei herausgekommen ist, kann einem mitunter schon die Sprache verschlagen. Wir begleiten dabei Faith, eine sogenannte "Runnerin", die in einer autokratischen Stadt geheime Dokumente und Informationen schmuggelt. Damit keine Datenleitungen angezapft oder abgehört werden können, ist Faith zu Fuß unterwegs, und beherrscht das Parcour dabei wie keine Andere.
"Mirror's Edge" ist eines dieser Spiele, die man entweder liebt oder hasst. Liebt, weil jedes noch so kleine Detail berücksichtigt wird, die glattgeputze Stadt bedrohlich wirkt und die omnipräsente Werbung und Beschallung durch Lautsprecher einen noch größeren und intensiveren Eindruck einer überwachten Welt zeigt. Hasst, weil "Mirror's Edge" an so vielen Stellen nur mit viel Lauftalent, Kombinationsfähigkeit und dem Sinn für das Gelände wirklich gut zu schaffen ist. Dadurch, dass Faith als Heldin selbst nur rudimentär mit Schusswaffen umgehen kann, ist sie vor dem Gesetz permanent auf der Flucht und setzt nur im äußersten Notfall ihre Nahkampffähigkeiten ein. Aber dann meistens auch nur, um Gegner k.o. zu schlagen.
Nachdem ich dieses Spiel seit Erscheinen mein Eigen nennen darf, mit der doch recht kurzen Kampagne schon früh fertig war, aber nun nach mehreren Jahren wieder einmal die Speedruns und Time Trials angegangen bin, kann ich eigentlich nur ein Fazit zulassen: Dieses Spiel ist zwischendurch eine Bitch! Man kann sich an den schweren Levels, die zur Lösung oftmals mehrere Wege anbieten, stundenlang auseinandersetzen, um immer wieder an einer bestimmten Stellen hängen zu bleiben, vor eine Wand zu laufen oder von einem Vorsprung abzurutschen und sein virtuelles Leben auszuhauchen. Da vor allem das Letztgenannte bei den hektischen und ultraknapp getimedten Level-Speedruns immer wieder geschieht, braucht der Spieler ein extrem hohes Frustpotenzial. Während die ersten drei, vier Levels vom Schwierigkeitsgrad eher moderat sind, und selbst Gelegenheitsakrobaten mit den Zeitvorgaben zurecht kommen sollten, wird spätestens ab dem fünften Levelspeedrun die Luft nach oben dünn. Wenn sich dann erste, schießende Gegner zwischen einen selbst und den Levelausgang stellen, kann schon mal lauthals geflucht werden.
Ich habe mich jetzt in den letzten zwei Wochen intensiv mit den sechs mir noch verbliebenen Levelspeedruns auseinander gesetzt und bin nach einigen wirklich anstrengenden Ausflügen aber wirklich froh, alle geschafft zu haben. Vor allem die letzten fünf Levels waren enorm knifflig und es bedurfte einigen Anstrengungen, damit die angepeilte Zeit eingehalten werden konnte. Bei einigen Missionen war noch ausreichend Zeit übrig, beim letzten Levelspeedrun waren noch vier Sekunden auf der Uhr. Knapper geht's wohl kaum!
Es war spannend, extrem herausfordernd, aber auch sehr frustrierend von Zeit zu Zeit. Wer sich jedoch auf ein First-Person-Parcours-Spiel einlassen will, der kann sich Mirror's Edge gern einmal ansehen. 2008 war dieses Spiel eine echte Sensation, wenngleich aber wegen des enormen Schwierigkeitsgrad eher absoluten Profis vorbehalten. Alle die, die weniger Profi sind, dafür aber einen langen Atem und genug Frustresistenz beweisen, werden am Ende aber genauso belohnt.
Da DICE offenbar um den Suchtfaktor von Speedruns wußte, gab es 2009 das Addon "Time Trials Pur". Darin wurden neun neue Levels designt, die sich nur um das Kombinieren und das möglichst schnelle Durchqueren von vorgegebenen Routen mit Wegpunkten drehten. Das sehr spezielle Aussehen der Parcours hatte nichts mehr mit dem Grundspiel zu tun, übte aber auch seinen ganz eigenen Reiz aus. Ich überlege derzeit noch sehr stark, ob ich es nicht noch einmal angehen sollte, auch die neuen Levels jeweils mit Bestzeiten abzuschließen, aber vor allem für den 90 Sterne-Erfolg hieße das für mich auch eine Wiederholung und Verbesserung sämtlicher Zeiten, wie sie in den Time Trials des Grundspiels vorkommen. Und selbst dort hatte ich nur mit Mühe und Not 50 Sterne erlaufen.
Abschließend kann ich sagen, dass mich wenige Spiele so lange und intensiv gefordert haben, wie "Mirror's Edge" dies getan hat. Durch die innovative Steuerung, die tolle Atmosphäre und das völlig einzigartige Spielprinzip kann man DICE's Titel schon als ein Unikat ansehen. Hoffen wir mal, dass der Nachfolger, der auch für die neue Konsolengeneration angekündigt wird, in diese wirklich großen Fußstapfen treten kann.
Für ein hervorragendes, wenn auch stellenweise sehr unfaires und extrem schweres Spiel gibt es 9/10!