The Crew (PS4)
Blut, Schweiß und Tränen... Lange ist es her, dass ich einen Controller vor Wut und aus Frust gegen die Wand schmettern wollte! Ein paarmal war ich kurz davor, mit meinem Vorhaben die Kampagne als Einzelspieler durchzuspielen, zu brechen und mir Mitspieler als Helfer zu suchen.
Aber ich blieb hart und wurde dafür mit dem Dark Souls der Rennspiele belohnt, oder zumindest dem Gefühl davon etwas geschafft zu haben, vor dem viele andere längst kapituliert hätten.
Allerdings ist The Crew nicht gerade sonderlich fair. Für ausreichend Frustmomente sorgt die stets anwesende Gummiband-KI, die sich häufig von ihrer häßlichsten Seite zeigte. Zuletzt gab es sowas in dieser Form bei TDU2, von dem auch tatsächlich viele Mitarbeiter an der Entwicklung an The Crew beteiligt waren. Daher eine gewisse Ähnlichkeit.
Ohne Rückspulfunktion oder gespeicherte Checkpoints Rennen, die zwei oder sogar vier Stunden dauern können, gegen solche Gegner zu fahren grenzt an Irrsinn. Denn macht man kurz vor der Ziellinie einen Frontalcrash, rast die KI als Erster durchs Ziel und das Rennen gilt als verloren und man bekommt nichts, gar nichts.
Allerdings sind diese Ausdauerrennen optional, sie sind nicht Bestandteil der recht langen, rund 10-12 stündigen Kampagne und viel einfacher mit einer 4er Crew zu bewältigen. Dazu später mehr.
The Crew muss eine permanent bestehende Internetverbindung aufweisen. Gibt es bei Ubisoft Wartungsarbeiten oder hat man eine unsichere Leitung, kann es passieren, dass man aus der Sitzung fliegt und das Spiel nicht mehr weiterspielen kann. Egal ob man sich gerade als Einzelspieler in einer Kampagnenmission befand, oder mit einer Crew in einem Ausdauerrennen. Auch wenn man mal länger auf Toilette o.ä. muss, das Spiel bricht die Verbindung nach 20 Minuten wegen "Inaktivität" ab und muss komplett neu gestarted werden. Always On ist damit also nun auch auf den Konsolen präsent.
Einige Bugs hat das Spiel auch, wie zum Beispiel das bekannte Statisktik-Problem mit den Sehenswürdigkeiten. Allerdings gibt es keine wirklich großen Probleme mehr wie zum Release des Spiels, oder gar Gamestopper-Bugs wie zerstörte Spielstande ähnlich bei TDU2.
So, nun aber wirklich zu den schönen Seiten des Spiels! Denn für mich überwogen die positiven Aspekte des Spiels ganz deutlich die negativen Dinge, die ich bereits genannt habe.
Da wäre als erstes die wunderbare Spielwelt, ein frei befahrbares Amerika, in der zwar auch Polizei unterwegs ist, die einen aber auch bei 280km/h in Ruhe lässt, wenn man ihr nicht gerade hinten auffährt. Die USA von New York bis nach L.A., ob Grand Canyon oder Napa Valley, ob Highways durch schneebedeckte Rocky Mountains oder endlose texanische Interstates - alles ist mit dabei. The Crew strotzt nur so vor Details, jede Kleinstadt durch die man auf seinen langen Erkundungsfahrten kommt, sieht anders aus. Man erinnert sich vielerorts an bekannten Szenen aus Filmen, von Hitchkock bis Tarrantino - alles mit an Bord. Ein Amerika im Hosentaschenformat, wobei die Taschen ziemlich groß sind, denn von New York bis nach L.A. braucht man im Spiel schon weit über eine Stunde. Je nachdem mit welchem der 60 Autos man unterwegs ist. Aber erst noch ein paar Worte zur Grafik.
Die Grafik ist nicht Next-Gen-würdig. So gibt es nur dynamischen Tag- und Nachtwechsel, aber kein Wettersystem. Es gibt aufploppende Texturen, leichtes Tearing, eine instabile Framerate unter 30fps und leichtes Kantenflimmern. Das heißt aber nicht, dass sie im Verhältniis der Größe des Spiels schlecht ist! Ganz im Gegenteil. Detailreichtum und Abwechslung lautet die Erfolgsformel von The Crew. Natürlich hällt es auch hier einem Vergleich mit GTAV nicht stand, aber ich muss immer wieder auf die schiere Größe dieses komplett frei befahrbaren Spielplatzes für Erwachsene hinweisen. Man kann wirklich fast überall hin und kann sich alles genau ansehen. Warum gerade ein Foromodus fehlt, kann ich mir nicht erklären. Zum Glück hat die PS4 eine Screenshot-Funktion.
Nun zu den Autos und Rennen. Im Fuhrpark kann man die üblichen Verdächtigen finden: RUF, Lamborghini, Ferrari, VW, BMW, Chevrolet, Ford usw.
60 Boliden sind auf den ersten Blick nicht viel, aber dafür kann man die meisten durch umfangreiches optisches und leistungsgerechtes Tuning so weit umbauen, dass z.B. aus einem BMW Z4 wahlweise ein Rallycar, ein Straßenauto oder eine GT-Rennwagen werden kann. Im Spiel gibt es sechs Kategorien, die alle für die verschiedenen Kampagnen- und Nebenmissionen benötigt werden. Das Fahrverhalten ist in allen Klassen etwas ruppig, da sollte man manuell nachjustieren.
Gefahren werden A nach B-Rennen, Rundenrennen, Verfolgungsjagden, Flucht vor Polizei oder Gangs, Gelände, Rally- und die trickreichen Schmuggleraufträge, bei denen Pakete innerhalb eines Zeitlimits aufgesammelt werden müssen. Dazu kommen noch unzählige "Tests" genannte Herausforderungen, bei denen man in bester MMO-Manier Upgrades, EP und Geld sammelt. Bei Level 50 hat man das Maximum erreicht. Sehr erfahrene Spieler schaffen das bereits in 20-30 Spielstunden. Normalspieler dürften bis an die 50 Stunden beschäftigt sein.
Fast alle Rennen, ob in der Kampagne, einer gewählten Fraktion oder im freien Spiel, kann man mit bis zu vier Crewmitgliedern zusammen fahren. Dann geht es entweder gegeneinander (PvP/Fraktionen) zur Sache, oder gemeinsam in der Kampagne etwas leichter und schneller voran. Allerdings wirkt das Crew-Feature etwas aufgesetzt und ist nicht zwingend zum durchspielen notwendig, weshalb auch der permanente Onlinezwang etwas unverständlich ist.
Atmosphäre kommt eher durch den Sound und die tollen Radiosender auf, als durch die platte Story einer Rachegeschichte. Obwohl die Zwischensequenzen technisch einwandfrei daherkommen und gut gemacht sind, bleiben Emotionen auf der Strecke. Wie in einem Call of Duty trifft man unscheinbare Nebencharaktere, die im nächsten Moment wieder verschwunden sind und sich dann erst im Finale nochmal kurz zusammen zeigen.
Dann schon lieber den extravaganten Radiosendern lauschen, wo von Klassik, Rock und Hip-Hop, bis hin zu Electro, Indie und Ambient für fast jeden Geschmack etwas dabei ist. Ebenso gut gelungensind die Motorensounds. Sie klingen satt und authentisch, machmal etwas übertrieben, aber das passt einfach. Zusammen mit den tollen Umgebungsgeräuschen (Kirchturmglocken, Bahnübergänge, Flugzeuge, Aldlergeschrei und andere Tierlaute) ergibt das ein stimmiges Gesamtbild.
Mein Fazit:
The Crew ist eine Weiterentwicklung von Test Drive Unlimited 2. Es bietet aber viele Verbesserungen und eine riesige, frei erkundbare und stimmungsvolle Spielwelt mit Beschäftigung für Wochen und Monaten. Der Flair und die Seele aus alten Teilen der Need for Speed-Reihe (Hot Pusuit, Underground 2, Most Wanted) ist darin ebenso enthalten wie die nervige Gummiband-KI, mit der man sich (vor allem als Forza-Spieler) erstmal wieder arrangieren muss.
Wenn man als Einzelspieler eine gewisse Frustresistenz besitzt, zum Teil stundenlange Rennen fahren möchte, dabei aber auch leichte Abstriche bei Grafik und Performance machen kann, ist man bei The Crew auf der richtigen Seite. Jäger und Sammler kommen voll auf ihre Kosten. Reine Arcade-Fans sollten lieber zu DriveClub oder Need for Speed Rivals als Alternative zu PS4-Rennspielen ausweichen.
(8/10)