Auch mal wieder dazu gekommen, ein paar Filme zu Hause nachzuholen:
Die Jagd
Mads Mikkelsen spielt den geschiedenen Vater Lukas, der nach langer Arbeitslosigkeit in seinem Heimatdorf den Job eines Kindergärners angenommen hat. Während er um das geteilte Sorgerecht seines jugendlichen Sohnes kämpft, wird er als geschätztes Mitglied der Gemeinde geschätzt und trotz seines Jobs als Kindergärtners hoch angesehen. Das ändert sich schlagartig, als die kleine Klara wieder eine ihrer Märchengeschichten erzählt - Lukas soll sie im Kindergarten sexuell belästigt haben. Da Kindermund bekanntermaßen Wahrheit tutkund, gerät Lukas bald in einen Strudel aus Anschuldigungen und muss miterleben, wie sich das ganze Dorf gegen ihn wendet. Eine Hexenjagd beginnt, die Lukas fast alles zu kosten droht. Doch sein Sohn glaubt an seine Unschuld...
Der 2012er-Beitrag vom renommierten, dänischen Regisseur Thomas Vinterberg ("Das Fest") spricht ein unangenehmes Thema sehr versiert und schauspielerisch stark von Mads Mikkelsen getragen an und zieht so den Zuschauer unmittelbar in die Geschichte hinein. Obwohl man als Zuschauer sehr wohl weiß, dass Lukas unschuldig ist, ist die Art und Weise, wie ihm die Eltern und Freunde der Gemeinde begegnen, herzzerreißend anzusehen. "Die Jagd" bewegt sich auf einem sehr schmalen Grat zwischen Fiktion und Realität, und vor allem Eltern werden starke Sympathien mit der Geschichte entwickeln, denn wer denkt schon, dass sein Kleinkind eine kleine, aber in ihrer Konsequenz entscheidende Lüge erzählen würde? Objektivität ist bei solch einem Thema fast unmöglich.
Schauspielerisch sehr starkes und dramaturgisch ausgefeiltes Drama aus Dänemark. Stark!
9/10
Dann gab es:
Hacksaw Ridge
Mel Gibson mal wieder hinter, statt vor der Kamera. Er zeigt die wahre Geschichte des gläubigen 7.-Tags-Adventisten Desmond T. Doss, der nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor den Entschluss fasst, sich freiwillig als US-Soldat einzuschreiben, um sein Land zu verteidigen. Da es ihm sein Glaube aber verbietet, gegen das 6. Gebot Mose ("Du sollst nicht töten") zu verstoßen, und somit den Dienst an der Waffe verweigert, stößt er bei seinen Kameraden und Vorgesetzten schnell auf Widerstand.
Bei der Schlacht von Okinawa am titelgebenden "Hacksaw Ridge" wächst Desmond über sich hinaus und wird als unbewaffneter Sanitäter zum Helden!
Die hierzulande eher unbekannte Geschichte des eher unscheinbaren Mannes Desmond Doss barg nach Ansicht der Produzenten und des Regisseus genug Potential, um aufwendig auf die Leinwand gebracht zu werden. Und wie sie alle recht behalten sollten!
Natürlich ist Mel Gibsons Version der Erzählung eine Heldengeschichte im klassischen Sinne, und Ecken und Kanten des Protagonisten werden so glatt gebügelt, dass man gar nicht anders könnte, als diesen Mann sympatisch zu finden. Trotzdem leistet Schauspieler Andrew Garfield (der nach den letzten zwei Amazing Spider-Man-Filmen eher enttäuschte) hier Großartiges, denn er zeigt genau die Zerbrechlichkeit und Überzeugung, die der wahre Mann Doss besessen haben muss. Man mag das manchmal als Heldenverklärung ansehen, aber Andrew Garfield erdet diesen Menschen auf eine Natürlichkeit, die man eigentlich dauernd beklatschen muss. Auch das Ensemble leistet seinen Beitrag, damit die Geschichte genau passt, allen voran Hugo Weaving als brutaler Vater Thomas Doss, der bereits im Ersten Weltkrieg kämpfte, und viele seiner Freunde sterben sah. Klar, dass er alles andere als begeistert ist, als er seinen Sohn in den Kampf ziehen sieht. Aber gerade er sorgt am Ende der ersten Filmhälfte für die ergreifendste Szene. Chapeau!
Wenngleich Vince Vaughn als herumschreiender Drillsergeant eher als Karrikatur eines R. Lee Ermey aus "Full Metal Jacket" wirkt, kriegt er am Ende die Kurve. Sam Worthington als vorgesetzter Zugführer wandelt sich auch vom anfangs als Ekel dargestelltem Charakter zu einer Respektsperson.
"Hacksaw Ridge" kann man, ähnlich wie Kubricks "Full Metal Jacket", als zweigeteilten Film ansehen. Während sich die erste Hälfte (tatsächlich über 60 der 140 Spielfilmminuten) mit der Vorbereitung und der Figur Desmond Doss beschäftigt, beginnt in der zweiten Hälfte die Schlacht um Okinawa, die Mel Gibson als Splatterfest veranstaltet. Es gab ja in der Vergangenheit viele Kriegsfilme, die auf drastische Gewaltdarstellungen setzten, um das Grauen des Krieges greifbar zu machen, und mit viele reiht sich auch "Hacksaw Ridge" ein. Man kann sie deshalb auch in einem Atemzug mit "Saving Private Ryan", "Windtalkers" und "We were Soldiers" nennen.
Aber genau diese Darstellungsweise braucht es irgendwie auch, um das Ausmaß des Gezeigten in einen genauen Kontext zu setzen. Wie der Mann unter Einsatz seines Lebens und unter dem unmenschlichen Druck seiner Kameraden, seiner Vorgesetzten, aber auch seines Glaubens zu seinen Richtlinien zu Höchstleistungen und dem unbeugsamen Willen getrieben wird, Menschenleben zu retten, ist nur auf diese Weise glaubhaft zu erklären.
Mel Gibsons neuer Film ist starkes Hollywoodkino mit einer Message. Es zeigt einen Mann, der trotz extremer Widerstände für seine Ideale und seine Kameraden einsteht und in größter Not zu einem Fels in der Brandung wird. Man mag das als modernes Märchen ansehen, aber da es die Figur Doss wirklich gab, kann man nur ob der akkuraten Darstellung seiner Taten den Hut vor dem Regisseur ziehen. Für mich einer der besten Kriegsfilme der letzten Jahre und unbedingt sehenswert. Trotzdem erfordern die gezeigten Gewaltdarstellungen in der zweiten Filmhälfte einen starken Magen. Exzellent!
10/10
Als Letztes:
Kubo - Der tapfere Samurai (3D)
Die kleine, animierte Geschichte des kleinen Kubo, eines japanischen Jungen zur Zeit der Samurai, der zusammen mit seiner Mutter einen Fluch auf sein Leben brechen muss, ist pure Kinomagie!
Das liegt an der eingesetzten Stop-Motion-Technik, mit der "Kubo" vom Studio LAIKA ("Coraline") entworfen wurde. Fast alle Sets des Films wurden real nachgebaut und dann Bild für Bild gefilmt, gerendert und auch noch in 3D konvertiert. Farbenprächtig und mystisch ist das Ergebnis einer langen Produktion, die zurecht mit einer Oscarnominierung als bester Animationsfilm bedacht wurde.
"Kubo - Der tapfere Samurai" besticht durch seine spannende, mitunter aber auch etwas zu düster für Kinder ausgefallene Geschichte, in der ein Junge mit Hilfe einer dreisaitigen Shamisen-Laute Kontakt zu seinem verschwundenen Vater aufnehmen will und in ein lebensbedrohliches Abenteuer hereingezogen wird, das er mit seinen Gefährten Monkey und Beetle bestehen muss.
Im Original werden dabei die Figuren prominent von Charlize Theron, Matthew McConnaughey, Ralph Fiennes und Rooney Mara gesprochen. Wer also mal eine Auszeit von Disney/PIXAR nehmen möchte und trotzdem einen wunderschönen und phantastisch gemachten Animationsfilm sehen will, der kommt auf kurz oder lang an "Kubo" nicht vorbei. Wundervoll!
9/10