Dying Light (One)
Nun habe also auch ich als Zuspätkommer (weil Besitzer der verspäteten Diskversion) den Abspann der Kampagne als Einzelspieler erlebt. Dafür habe ich alleine rund 50 Stunden gebraucht und habe unendlich viele Zombies erschlagen, zertreten, geköpft, verbrannt, geschockt, vergiftet, gesprengt oder verstümmelt. Für den erheblichen Brutalitäsgrad des Spiels und die ziemlich ekeligen Sachen die Zombies normalerweise so tun, muss man entweder ein dickes Fell besitzen oder in einen gewissen digitalen Blutrausch verfallen. Nur so macht das Spiel auch richtig Spaß, man sollte also starke Nerven und eine gute Waffe haben, dann kann es losgehen in der fiktiven orientalisch (Türkei? Georgien? Iran?) angehauchten Großstadt Harran. Es beginnt in den Slums...
Die Hauptstory beschränkt sich auf die übliche Zombieapokalypse und ist dramaturgisch ganz in Ordnung. Dazu am Ende noch ein paar Sätze.
Es gibt zwei überaschaubar große offene Bezirke in Harran, die beide insbesondere in den dynamischen Tages- und Nachtzeiten wunderhübsch aussehen. Wäre da nur nicht alles voller verwesender Beißer!
Nachts wird es allerdings noch unheimlicher, denn dann sind die Zombies stärker und es kommen auch sogen. Schattenjäger hervor. Haben sie den Spieler erstmal entdeckt (Lichtkegel im Radar wie bei einer GTA-Verfolgung!), dann hilft nur noch die schnelle Flucht zu Fuss in ein sicheres Versteck.
Es gibt nur einen spielbaren Charakter, Kyle Crane, ein rauhbeiniger aber redegewandter Typ von einer Spezialeinheit. Die Verstecke muss der Spieler erst nach bester Far Cry 4-Manier säubern, um darin die gefährliche Nacht zu verbringen. Wagt er sich dennoch nachts heraus, wird man mit mehr EP belohnt.
Diese Erfahrungspunkte kann man ganz gezielt entweder für die Kategorien Überleben, Klettern oder Kampf einsetzen. Ähnlich wie bei The Elder Scrolls: Oblivion kann man besser klettern oder kämpfen lernen, je mehr Zeit man damit verbringt. Praktischerweise werden deshalb auch zwei kleine EP-Balken am oberen Bildschirmrand dargestellt.
Moment Mal! Klettern? Richtig, denn im späteren Spielverlauf kann man regelrecht Parkourlauf erlernen und es so perfektionieren, als spielte man Mirror's Edge. So geht es auch bei Dying Light ab: Ziemlich rasant, aber manchmal auch etwas knifflig! Denn ganz im Gegensatz zu den geistigen Vorgängern Dead Island und Dead Island: Riptide, spielt sich das Spiel nicht so träge. Es geht nicht darum jeden einzelnen Zombie zu töten, sondern möglicht immer in Bewegung zu bleiben, auch mal einfach über einen Zombie hinwegzuspringen, ihn mit einem Sprungkick auszuknocken oder unter Hindernissen durchzurutschen. Kyle Crane kann fast alles so gut wie Faith aus Mirror's Edge, nur keinen Wallrun. Dafür bekommt er später einen Wurfanker, mit dem man schnell auf entferntere und hohe Gebäude gelangt. Das klappt nicht immer besonders präzise (und in den Hauptmission ist der Anker des öfteren verboten), aber mit etwas Übung beherrscht man die Technik später gut.
Als ein First-Person-Actionspiel mit Rollenspielelementen darf es an Nebenquests nicht fehlen. Die gibt es auch zuhauf, allerdings beschränken sich die meisten Aufgaben auf "Gehe zu Haus A, suche die Medizin und bringe sie zu Punkt B" oder "Sammle für die Überlebenden 6x Nachtkraut am Fluss". Manchmal trifft man aber auch auf skurrile Gestalten mit witzigen Aufträgen. Diese entschädigen durch die humorvolle Art öfters mal die monotonen Sammel-und-bring-mir-was-Quests.
Dazu kommen noch Herausforderungen wie mit einer bestimmten Waffe in einer bestimmten Zeit soundsoviele Zombies zu erlegen.
Ab und zu muss man Personen aus der Hand von Militärschergen oder Zombies befreien und es gibt einige Sammelaufgaben wie das finden von Zombiefiguren oder Flaggen. Es liegt auch ständig von Flugzeugen abgeworfenes und bewachtes Bergegut herum, dass man beim Quartierswart gegen Überlebensrang-Punkte eintaischen kann.
Als Belohnungen für Nebenquests und erledigte Aufgaben winken Waffen, Baumaterialien, Upgrades usw. Ein hervorragendes Upgrade- und Crafting-System macht aus Dying Light schon fast ein richtiges Rollenspiel. Die Möglichkeiten Waffen wie Keulen, Hämmer, Messer, Sicheln, Säbeln usw. aufzuwerten sind zwar beschränkt, aber Loot findet man immer reichlich und es tritt auch hier ein ähnlich starker Suchtfaktor wie Diablo 3 auf, immer bessere Sachen suchen zu wollen. Molotov-Cocktails, Handgranaten und später auch ein paar Schusswaffen runden das ganze Arsenal ab.
Was gibt's noch? Einige Kritikpunkte, etwa selten auftretenes Tearing, ein paar kleinere Bugs und Glitches, viele Klone von Zombies und NPC's sowie einige etwas hakelige Kletterpassagen, z.B. auf den anfänglichen Funkmasten.
Wer darüber hinwegsieht, bekommt aber einen ausgezeichneten Zombie-Slasher mit Tiefgang. Die etwas verwirrnde und unlogische Story um eine Regierung, die von Überlebenden in Harran nichts wissen will und die Stadt lieber dem Erdboden gleichmachen will, kommt anfangs erst langsam in die Gänge. Sie belohnt den Spieler dann aber mit langen und spannenden Missionen, gelegentlich auch in mehr oder weniger großen Missionsgebieten außerhalb der beiden frei begehbaren Bezirke Slums und Altstadt.
Allerdings wiederholen sich einige Spielelemente auch hier, es gibt gelegentliche Bosskämpfe in "Arenen", die man später so ähnlich schon einmal gesehen hatte.
Licht und Schatteneffekte sind für Xbox One-Verhältnisse hervorragend bei Dying Light, die Weitsicht ist großartig. Grafisch ist es bestimmt eines der besseren Spiele für die Xbox One, aber es kann den Genre-King GTA V nicht ansatzweise toppen. Denn es gibt weder Autos, noch andere Fortbewegungsmittel in der Kampagne, aber das soll sich mit kommenden DLC's wohl noch ändern. Man bleibt gespannt!
Ich kann es allen erwachsenen Leuten empfehlen, die Spiele wie Far Cry 4 oder Mirror's Edge gut fanden und natürlich solchen, die auf relativ harte und brutale Zombiekost aus der Ego-Perspektive stehen und bereits die Dead Island-Vorgänger mochten. Dying Light ist eine Weiterentwicklung, die genau in die richtige Richtung ging.
(8,5/10)