Mal abgesehen davon, dass die Idee nicht sonderlich erbaulich finde, noch mehr meines Lebens in die Hände von Google zu geben, ist Stadia so ziemlich das Worst-Case-Szenario in Sachen Streaming.
Und das liegt vor allem auch daran, dass es schlicht und einfach keine Hardware gibt, an die man die Spiele binden kann. Und somit gibt es keine Möglichkeit, die Spiele zu backupen oder die Spiele offline zu spielen. Kein Internet, keine Games. Streaming wäre zum jetzigen Zeitpunkt für mich nur als Ergänzung denkbar. Z.B indem ich eine Spielelizenz kaufe, die ich, wie jetzt schon, auf meiner Konsole weitestgehend (und somit auch offline) unbegrenzt nutzen kann, aber gleichzeitig, evtl. gegen Aufpreis, auch jederzeit auf anderen Geräten via Streaming nutzen kann, wenn ich es möchte.
Ich kann mir absolut nicht vorstellen, für ein Spiel 70 Euro auszugeben, dass ich effektiv nur miete. Vor allem nicht von einem Konzern wie Google, der dafür bekannt ist, dass er Dienste und Produkte, die sich nicht durchsetzen, ganz schnell wieder vom Markt verschwinden lässt. Man muss sich nur mal daran erinnern, dass Google Plus am 2.4. für Privatkunden schlicht und einfach verschwinden wird. Ich hab das jetzt nicht genutzt, aber das zeigt eigentlich ganz gut, wie Google so funktioniert.
Die Alternative zum 70 Euro-Kauf wäre quasi eine Spieleflatrate, die einem für ein Monatsabo Zugriff auf entweder eine gewisse Anzahl an Spielen (z.B. 5 Stück bei freier Auswahl) oder den kompletten Katalog bietet. Also ähnlich wie Netflix oder Spotify.
Aber das sehe ich sowohl aus Kundensicht als auch für die Industrie skeptisch. Das Netflix-Modell ergibt für mich noch einigermaßen Sinn, weil Filme und Serien für mich Wegwerfartikel sind, die ich einmal konsumiere und die für mich dann erledigt sind. Die Filme und Serien, die ich zweimal gesehen habe, kann ich locker an zwei Händen abzählen. Aber bei Games und insbesondere bei Musik sieht das ganz anders aus. Ich hab im letzten Jahr mal drei Monate Music Unlimited für 99 Cent ausprobiert und festgestellt, dass sich mein Musikkonsum drastisch zum Negativen hin verändert hat. Die Verfügbarkeit von X Millionen Alben und die Tatsache, dass mir davon nichts wirklich gehört hat in Zusammenspiel mit den Algorithmen, die einem permanent neue Dinge vorschlagen, dazu geführt, dass ich zum regelrechten Musikhüpfer geworden bin, der irgendwie hier mal eine Minute reingehört hat und dann dort eine Minute, während mir die verfluchten Vorschläge permanent das Gefühl gegeben haben, dass ich irgendwas verpasse. Irgendwie ist in dieser Abo-Zeit das Musikhören vom Genuß und einer Erfahrung, auf die man sich einlässt, zu einem kompletten Multimedia-Stress verkommen, der von Algorithmen diktiert wird. Es mag sicherlich Leute geben, die Dienste wie Spotify wesentlich gezielter nutzen, aber für mich gehört das Entdecken neuer Dinge zum Hobby Musik genauso dazu wie bei Spielen. Und ich will das erstmalige komplette Hören eines Albums genauso die erstmalige Spielen eines Spiels in Nicht-Demo-Form einfach in vollen Zügen genießen. Und da empfinde ich die vollkommen unkuratierte Schwemme an Nachschub durch die Algorithmen, die so eine Flatrate bietet, eher als hinderlich bis zu dem Punkt hin, wo ich komplett die Lust verliere. Mag sein, dass das für andere Leute funktioniert, aber für mich nicht.
Und wenn es tatsächlich so eine Flatrate geben sollte, woran ich auch immer noch meine Zweifel habe, da die Spielfirmen uns Kunden vermutlich eher 70, 80, 90 Euro für ein Spiel abknüpfen wollen würden, über das sie dann fast die komplette Kontrolle haben, könnte das auf Dauer auch negative Konsequezen für die Hersteller haben, weil die Preise dadurch noch weiter gedrückt werden. Man braucht sich ja nur die Auswirkungen ansehen, die Spotify und Co. auf die Musikindustrie hat. Die Künstler, die nur Musik machen und keine großen Konzerte mit überteuerten Ticketpreisen veranstalten können, sowie die ganzen Indielabels, kommen durch die ganzen Streamingdienste, wo im Gegensatz zum Radio pro Stream vielleicht bestenfalls eine Handvoll Cent zusammenkommen, mehr und mehr unter Druck. Das kann der Spieleindustrie am Ende genauso passieren, wodurch sie sich neue Monetarisierungsmaßnahmen einfallen lassen müssen. Und das kann für den Kunden dann am Ende noch aggressivere Mikrotransaktionen bedeuten. Und da alles nur auf den von den Herstellern kontrollierten Servern passiert und der Kunde auch nicht die Möglichkeit hat, einen Patch einfach mal abzulehnen, können die halt auch mal relativ schnell on-the-fly das Balancing oder Mechaniken geändert werden, um Mikrotransaktionen zu pushen. Letztlich wird es diese Technologie sogar ermöglichen, ganz einfach Werbeunterbrechungen in Spielen unterzubringen.
Ich bin nun wahrlich kein Mensch, der technologiefeindlich ist. Ich bin z.B. sehr dankbar dafür, dass Kompressionstechniken wie MP3 und FLAC es wesentlich einfacher gemacht haben, Musik zu kaufen, was auch dazu geführt hat, dass relativ seltene Sachen und Werke, die lange vergriffen waren, mit deutlich niedrigerem Aufwand erneut verfügbar gemacht werden konnten.
Aber grade die Digitalisierung der Musikindustrie hat uns Konsumenten eine Sache gelehrt: Man sollte nicht jede neue Technologie euphorisch umarmen, sondern dabei genau betrachten, mit welchen Mitteln hier am Ende versucht wird, die Optionen und Rechte der Kunden einzuschränken. Apples ursprüngliches iTunes mit den massiven DRM-Maßnahmen war letztlich eine reine Kundenentrechtungsmaschinerie der Musikindustrie, die nur daran gescheitert ist, dass die Kunden sich einfach so lange geweigert haben, dabei mitzumachen, bis die Industrie bessere Optionen angeboten hat.
Und genau darauf sollten wir als Konsumenten beim Game-Streaming genauso achten. Auch wenn ich hier jetzt irgendwie den Spielverderber mache, sehe ich in diesem Modell derzeit vor allem akute Gefahren für den Konsumenten, weil einem dieses Modell praktisch jedwede Kontrolle, die wir derzeit noch haben, aus den Händen nimmt. Alleine die Art und Weise, wie die ganzen anderen Google-Dienste und damit auch die Influencer in dieses System eingebunden sind, jagt mir kalte Schauer über den Rücken.