Krulemuk
Frührentner
Früher hätte ich dir ohne Zögern zugestimmt. Eine numerische Bewertung für ein Medium wie Videospiele zu vergeben – eine Kunstform, deren Wirkung extrem subjektiv ist und sich eigentlich kaum in ein arithmetisches Raster pressen lässt – wirkt auf den ersten Blick unsinnig. Etwas derart vielschichtiges „quantifizieren“ zu wollen, ist mindestens fragwürdig.Lest reviews von Testern, die ihr kennt. Vertraut auf Meinungen von Usern, die euren Geschmack einigermaßen teilen.
Das hilft bei ner Kaufentscheidung. Nicht irgend ne Punktzahl.
ABER…
…in der aktuellen Aufmerksamkeitsökonomie hat sich meine Haltung dazu ehrlicherweise etwas verschoben. Heute genießt die Einschätzung irgendeines Influencers in sozialen Medien oft mehr Gewicht als die Meinung einer ganzen Redaktion. Und gerade deshalb habe ich es zunehmend als Problem empfunden, wenn Reviews völlig ohne Wertung auskommen und die Besprechung von Videospielen sehr oberflächlich bleibt.
Ohne Punktzahl neigen viele Tests dazu, in einer Art weichgespülter Wohlfühl-Suppe zu enden: Alles ist „ganz cool“, „nett gemacht“, „hat Spaßpotenzial“, und nach einer Liste von Pros und Cons bleibe ich als Leser trotzdem ratlos zurück.
War das Spiel für den Tester nun okay, gut oder wirklich hervorragend?
Hat es bleibenden Eindruck hinterlassen oder war’s am Ende doch eher guter Einheitsbrei?
Eine Wertung zwingt die Redaktion dazu, die eigene Einschätzung nicht hinter wohlklingenden Formulierungen zu verstecken, sondern klar Stellung zu beziehen: Wie stark war das Erlebnis wirklich?
Diese Transparenz finde ich inzwischen wertvoll - nicht als objektives Qualitätsurteil, sondern als ehrliche Positionsbestimmung des Testers.
Gleichzeitig stimme ich dir in einem anderen Punkt vollkommen zu:
Eine numerische Bewertung suggeriert Vergleichbarkeiten, die es in Wirklichkeit nicht gibt, schon gar nicht über längere Zeiträume oder Genres hinweg. Eine 8/10 heute bedeutet nicht das Gleiche wie eine 8/10 vor zehn Jahren, und ein rundenbasiertes Taktikspiel lässt sich nicht sinnvoll mit einem Metroidvania vergleichen.
Trotzdem sehe ich Wertungen inzwischen als ein nützliches Werkzeug, solange man sie als das betrachtet, was sie sind: eine grobe subjektive Einordnung, kein objektives Maß. Eine Art Orientierungshilfe und manchmal eben auch ein hilfreicher Schubs, damit ein Test klarer kommuniziert, wie begeistert (oder ernüchtert) der Autor letztlich wirklich war.
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