Resident Evil Requiem
Selten habe so viele WTF-Momente in einem Resident Evil gesehen. Nicht im positiven Sinn. Nach ca. 14 Spielstunden war ich zwar durch, das entspricht etwa der Spielzeit von Village oder Biohazard, aber es kam mir wie die Unendlichkeit vor.
Ich mochte das Spiel nicht. Ich mochte den Wechsel zwischen den beiden Protagonisten nicht. Ich mochte die ängstliche und unbeholfene Grace nicht, ihr zeitlupenartiges Lauftempo, ihr winziges Inventar nicht und schon gar nicht ihre ständigen Entschuldigungen für Dinge, an denen sie keine Schuld hat.
Gut, dass es als zweiten Protagonisten Leon S. Kennedy gibt, sollte man meinen. Aber sein größter Auftritt beschränkte sich auf eine Map, die in vieler Hinsicht als langweilig bezeichnet werden könnte.
Das Spiel bietet eine umwerfende Grafik, mit Raytracing und dem ganzen Lametta, das es heute gibt. Leider kämpfte sich Leon hauptsächlich durch ein eher graues verlassenes Kriegsgebiet namens Raccoon City, das etwas an den Auftritt von Chris Redfield aus Resident Evil 6 erinnerte. Da wäre mehr Abwechslung optischer Natur eine bessere Option gewesen, als Leon durch ein ödes halboffenes Hub-Gebiet voller Schutt und Trümmer zu scheuchen. Natürlich nur, um drei (wie viele sonst?) Zünder zu sammeln, damit er ein Loch in das Tor der Dark Zone aus The Division sprengen darf. Das war ein Scherz.
Die Zombies, die in keinem Resident Evil fehlen dürfen, wollten uns bereits mit Grace im Sanatorium vom ersten Spieldrittel auf die Nerven gehen. Dann auch Leon in besagtem Kriegsgebiet in der Spielmitte. Leon bekommt immerhin einen Bodycount spendiert, für den er Geld bekommt um seine Waffen aufzurüsten. Dafür kann Grace an Speicherpunkten überflüssigen Loot in einer Kiste verstauen, während Leon immer alles in einem viel größeren Inventar mit sich herumschleppen muss. Egal. Das Inventarmanagement ist traditionell nervig wie eh und je.
Die Charaktere spielen sich so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Leon kann sich neuerdings zwar auch an Zombies heranschleichen. Aber das hat man wohl nur als Reminiszenz an The Last Of Us eingebaut, weil man es nur ein paar Mal machen muss, dann nie wieder.
Überhaupt erinnert vieles an den Titel von Naughty Dog aus dem Jahr 2013. Ob das den mangelnden eigenen Ideen verschuldet ist?
Zurück zu den Zombies. Sie sind teilweise personalisiert und sollen Grace dadurch noch unheimlicher vorkommen. Von daher ist auch die Egoperspektive für Grace vorgegeben, es kann aber jederzeit in die 3rd Person gewechselt werden. Moment! Gibt es einen Jumpscare oder eine Cutscene, und davon gibt es viele beim Part mit Grace, zoomt die Perspektive automatisch wieder in die Ego-Sicht. Man soll sich schließlich erschrecken.
Egal, zu den Zombies. Es gibt einen Koch, einen Lichtschalter-Typ und eine Sängerin. Leon dagegen bekommt nur Kanonenfutter im Sekundentakt. Der Bodycount muss schließlich wachsen. Ein Like von Ice-T an dieser Stelle.
Statt wie in 28 Days Later mal etwas schnellere Zombies einzuführen, gibt es hier nur die Oldschool-Schlürfer. Natürlich dürfen auch bekannte Gegenertypen aus früheren Serienteilen nicht fehlen. Dazu noch mehr literweise Blut und Gore als früher, denn das verkauft sich immer besonders gut in Krisenzeiten wie diesen.
Natürlich kann Leon jetzt auch mal eine Kettensäge aufnehmen und sich wie ein echter Gearhead mit einem Zombie duellieren. Das geht aber nur an einer Stelle ein einziges Mal. Sonst nimmt man die aus anderen Serienteilen bekannten Waffen, die so ideenlos daherkommen, wie es nur ein Resident Evil schafft: Pistole, Schrotflinte, MP, Scharfschützengewehr. Es gibt später im Spiel zwar andere Variationen zu kaufen, aber die Auswahl ist für heutige Verhältnisse fast geizig. Auch beim Zubehör gab es im Jahr 2005 bei Resident Evil 4 schon eine erheblich größere Auswahl.
Ideenlos sind auch Leveldesign und Gameplay. Leon kann nur auf Knopfdruck an bestimmten Stellen über Abgründe springen. Die Nullerjahre haben angerufen und wollen ihre fehlenden Innovationen zurück! Hier mal eine Tür von der anderen Seite zu öffnen, um eine Abkürzung freizulegen ist schon das höchste der Gefühle.
Passend zur Ideen- und Innovationslosigkeit, neben dem Oldschool-Gameplay von Grace aus Resident Evil 2 und dem schlecht kopierten Moves von Leon aus Resident Evil 4, gibt es auch noch einen Abschnitt in einem Umbrella-Labor. Natürlich. Man wäre fast enttäuscht, wenn sich Capcom etwas neues hätte einfallen lassen.
Dazu passt auch der Abschnitt von Leon mit der Rückkehr ins Polizeirevier von Raccoon City. Wenigstens gibt es keinen nervigen Mister X. Oh, wait! Natürlich gibt es ihn, samt Bosskampf. Nur weshalb? Einer von hunderten solcher WTF-Momente.
Auch einen Wesker-Verschnitt gibt es als Antagonisten, Zeno genannt. Was macht der da und warum überlässt man nicht dem zuvor so mühsam aufgebauten Bösewicht Dr. Gideon das Feld? WTF!
So verwirrend die Story auch ist, es hätte sie sowieso nicht gebraucht. Das Spiel setzt vor allem auf Emotionen (man kann auch Grace als Kind in einer Sequenz spielen), billige Jumpscares und viel Blut. Letzteres kann von Grace aufgesammelt werden, um komische Spritzen zu craften, die Zombies in einer Blutfontaine platzen lassen. Wie doof und was für eine Effekthascherei ist das denn und warum macht man sowas überhaupt, statt ihr einfach mehr Munition für die Pistole zu geben? Ach ja, die Spielzeit wäre ohne das nervige Crafting wahrscheinlich zu kurz. Keine Ahnung. Ich fand es wie so viele Spielmechaniken in diesem Teil zu haarstäubend, zu umständlich, zu zeitaufwendig.
Resident Evil 9 ist ein Sammelsurium aus Versatzstücken älterer Serienteile. Aber auch Elemente aus TV-Serien werden kopiert (Sichtwort: Westworld) und haufenweise andere Spiele wie z.B. Heavy Rain, The Last Of Us. The Evil Within. Alan Wake 2 oder Silent Hill 2.
Alles neu in Requiem und alles doch so vertraut. Es scheint das neue Konzept von Capcom zu sein, wie man fast jeden, der schon einmal etwas von der Reihe gehört hat, abholen kann.
Davon ausgehend ist es objektiv gesehen ein gut gemachtes Spiel und bekommt auch zwei Testnoten mehr von mir als eigentlich gewollt. Meinen persönlichen Geschmack hat es aber gar nicht getroffen. Ich war froh als es endlich vorbei war. Meine Haare sind nun etwas grauer als zuvor. Aber ganz bestimmt nicht, weil ich mich so sehr gegruselt habe. Das lag an den unzähligen WTF-Momenten.
8/10