Ich bin jetzt mit der Story und den Story-Nebenmissionen durch und werde es dabei dann auch belassen. Die restlichen Neben- und Sammelaufgaben können gerne unbearbeitet in irgendwelchen Listen verbleiben.
Die Geschichte hat mich wirklich beeindruckt und gehört für mich defintiv zu den besten Videospiel-Geschichten, die man so erleben kann. Die Dragon Age- und Mass Effect-Spiele würde ich persönlich immer noch etwas höher einstufen, aber das liegt einfach daran, dass sie mich emotional einfach mehr mitgerissen haben. Aber was Rockstar hier abgeliefert hat, ist echt beeindruckend. Das hätte ich ihnen absolut nicht zugetraut, da die Storys von RDR1 und denn GTAs einfach zu klischeehaft sind. Aber Rockstar ist anscheinend wirklich erwachsen geworden und mittlerweile in der Lage, nicht nur Freaks zu schreiben, sondern auch echte Menschen, die alles andere als Abziehbildchen sind.
Das hat auch dazu geführt, dass ich das extrem lineare und unflexible Missionsdesign, das vor allem in der zweiten Hälfte auch auf zu vielen und zu langen Schießereien basiert, irgendwann gar nicht mehr als störend empfunden habe, weil sich das halt ziemlich mit der Erzählweise ergänzt.
Für den Storymodus inkl. der meisen Missionen für Fremde würde ich daher eine 9,5/10 vergeben.
Das Prädikat "Meisterwerk" würde ich jedoch nicht zücken, denn als Open-World-Spiel hat mich RDR2 ziemlich enttäuscht. Das Spiel ist vollgestopft mit Nebenaktivitäten, Sammelaufgaben und Systemen über Systemen, die alle daran kranken, dass sie nicht sinnvoll ins Gesamtkonzept integriert wurden. Das sind eher jede Menge in der Luft hängende Fäden, die nicht zu einem Teppich verwoben wurden. Ich würde sogar so weit gehen, dass Nebenaufgaben und Herausforderungen einfach nur existieren, um Checklisten zu füllen.
Die Sammelaufgaben werfen einfach zu uninteressante Belohnungen ab, während das Jagen, Angeln und Craften eigentlich komplett überflüssig sind. Es ist schön, dass es diese Dinge für diejenigen, die sowas gerne machen möchten, vorhanden sind, aber sie erfüllen einfach keinen oder nur wenig spielerischen Zweck.
Das beste Beispiel dafür ist die Lagerkasse, die man anfangs noch füllt, um die Upgrades für das Camp zu erhalten, aber danach kann man sie komplett ignorieren. Das liegt vor allem daran, dass man diese Kasse im Prinzip komplett alleine füllt und auch alleine leert. Auch wenn einem immer wieder was anders suggeriert wird, hat das Lager absolut keinen Verbrauch an Lebensmitteln, Geld oder Materialien. Das hätte man wesentlich besser lösen können, indem man z.B. den Story-Fortschritt mit den Ressourcen des Lagers verknüpft oder das Lager einen echten Verbrauch hätte.
Es mag vielleicht ein bisschen anders aussehen, wenn man wirklich viel Zeit mit dem Jagen in der Wildnis verbringt, aber ich hatte beim Spielen der Story nie das Gefühl, dass ich in irgendeiner Form an Ressourcenknappheit leide und deshalb größere Taschen für Materialien und Hilfsmittel benötigen würde. Ich hab auch kein einziges Mal die Notwendigkeit gesehen, auf hergestellte Gegenstände zurückgreifen zu müssen. Ich hab am Anfang einige Sachen gecraftet, und die sind bis nach der Story komplett ungenutzt im Inventar geblieben. Genauso hab ich den Großteil der Waffen, die man im Laufe der Zeit freischaltet, nicht genutzt. Anfangs hab ich noch Gewehre benutzt, aber nach dem Kauf des Zweitholsters hab ich das Spiel nur noch mit 2 Revolvern gespielt. Bessere und stärkere Waffen sowie bessere Ausrüstung über das hinaus, was man kaufen kann, braucht man auch deshalb nicht, weil das Spiel im Grunde am Ende nicht schwerer ist als am Anfang, sondern durch das Aufleveln von Gesundheit und Dead Eye ganz im Gegenteil eher einfacher. Durch die ganzen Systeme und Nebenaufgaben wird einem eine Komplexität vorgegaukelt, die gar nicht vorhanden ist.
Und das ist wirklich schade, denn hätte man die ganzen losen Enden wirklich gut zusammengeführt, hätte man da wirklich eine interessante Dynamik erschaffen können.
Aber so stehen sich die Dinge oftmals gegenseitig im Weg. Es gibt die Möglichkeit, Einbrüche und Überfälle durchzuziehen, aber letztlich wird man vom Spiel eher entmutigt, sich damit zu beschäftigen. Das liegt einerseits daran, dass man im Spiel auch ohne das Jagen mehrfach weit mehr Geld hat, als man braucht, und andererseits daran, dass man sich für Überfälle und Co. oftmals weit höhere Kopfgelder einhandelt, als man Erträge aus diesen Aktivitäten zieht. Von daher sind diese Aktivitäten eher Spielspaßkiller.
Und so sehr die Spieltwelt auch durch ihre Grafik, den Detailreichtum und die Atmosphöre, die wirklich einzigartig sind, beeindruckt, so sehr hat sie mich als Open-World(-Sandbox) doch enttäuscht. Die Spielwelt wirkt auf der einen Seite lebendig und detailreich wie in kaum einem anderen Spiel, aber gleichzeitig ist sei auch eine ziemlich tote Kulisse, weil die Art und Weise, mit der man mit ihr interagiert, viel zu sehr auf streng durchkomponierten Skripten basiert. Es passiert einfach zu wenig "einfach mal so" und es gibt einfach zu wenige Systeme, durch die Spielwelt auf einen reagiert, stattdessen beruht fast das ganze Open-World-Gameplay darauf, dass man nur selbst auf die Spielwelt reagieren kann. Und dadurch verkommt die Spieltwelt leider viel zu sehr zu einer recht statischen, berechenbaren Kulisse. Zugegeben, es ist eine extrem beeindruckende Kulisse, die man in diesem Detailreichtum so schnell nicht wieder zu sehen bekommt, aber ich hatte mir davon doch etwas mehr erhofft.
Von daher würde ich für das Gesamtwerk RDR2 als Spiel nur eine 8 vergeben, auch wenn ich das Story-Erlebnis weit, weit höher einschätze. Aber auch wenn ich diverse Elemente des Spiels für deutlich verbesserungswürdig halte, bereue ich den Kauf absolut nicht. Denn selbst als reines Story-Erlebnis ist es wirklich ziemlich einzigartig und bietet auch mehr als genug fürs Geld.