- Bellmann, W. (Hg.): Klassische deutsche Kurzgeschichten. Stuttgart: Reclam, 2003.
- Markovits, D.: The Meritocracy Trap: How America's Foundational Myth Feeds Inequality, Dismantles the Middle Class, and Devours the Elite. New York: Penguin Press, 2019.
- Festa, F. / Kettlitz, H. (Hg.): 100 Jahre Weird Tales. Jubiläumsedition. Band 2: 1930 bis 1936. Leipzig: Festa Verlag, 2023.
- Linden, M. van der / Mergner, G. (Hg.): Kriegsbegeisterung und mentale Kriegsvorbereitung. Interdisziplinäre Studien (Beiträge zur Politischen Bildung. Bd. 61). Berlin: Duncker & Humboldt, 1991.
- Szabo, S. (Hg.): Kultur des Vergnügens. Kirmes und Freizeitparks – Schausteller und Fahrgeschäfte. Facetten nicht-alltäglicher Orte. Bielefeld: transcript Verlag, 2009.
- Schmitz, R. S. / Becker, M. / Gampert, N. (Hg.): Kulturelle Spiegelungen zwischen H. P. Lovecraft und Deutschland. Freiburg: wbg Academic, 2024.
- Machen, A.: Die weißen Gestalten. Erzählungen. München: Piper, 1993.
- Allende, I.: Das Geisterhaus. 34. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1988.
- Barker, C.: Das vierte Buch des Blutes. München: Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., 1991.
- Walpole, H.: Schloß Otranto. Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 1983.
- Frei, N. / Rigoli, D. (Hg.): Der Antikommunismus in seiner Epoche. Göttingen: Wallstein Verlag, 2017.
- Linebaugh, P. / Rediker, M.: Die vielköpfige Hydra. Die verborgene Geschichte des revolutionären Atlantiks. 2. Aufl. Berlin/Hamburg: Association A, 2022.
Die vielköpfige Hydra (2000)
Dieses Büchlein, dessen Original 2000 erschien, ist zurecht ein Standardwerk geworden. Im Grunde steckt in dem Buch schon viel drin, was so ab spätestens 2010 in der Geschichtswissenschaft zum Trend wurde: Globalgeschichte und transnationale Untersuchungen, was aktuell in transkulturelle Studiengänge mündet.
Linebaugh und Rediker veränderten die Perspektive. Hier geht es nicht mehr um die Könige, Fürsten, Kaufleute oder "Entdecker" wie Columbus, sondern um die Leute, auf deren Rücken das koloniale System und der aufsteigende globale Kapitalismus aufgebaut wurde: Matrosen, Sklaven, Kleinkriminelle, Verstoßene, Vertriebene ...
Der Titel bezieht sich dabei auf die griechische Mythologie. Hackt man dem "bunt gescheckten Haufen" einen Kopf ab, indem man bspw. einen Aufstand gewaltsam niederschlägt, wachsen 2 neue Köpfe. Diese Metapher verwendet sowohl die herrschende Klasse als auch dann im positiven Sinne die andere Seite.
Der Anfang des Kapitalismus findet sich hier in England, als die Allmende (Gemeineigentum in Bezug auf Land) abgeschafft und Land enteignet wurde. Viele der deswegen verarmten Menschen wurden auf die andere Seite der Welt verschifft.
Im Grunde ist es eine Geschichte der Revolutionen und Aufstände in der Karibik. Es geht um Jamaika, Haiti, all die Sklaven vom afrikanischen Kontinent, die dorthin verschleppt wurden, um Amerika. Sie zeigen, wie global und vernetzt auch der Widerstand gewesen war. Jeder Verschleppte brachte Wissen mit, die Menschen lernten trotz unterschiedlichsten Hintergründen, miteinander zu kommunizieren (Kreolsprachen etc.) und so konnte der eine Sklave, der auf irgendeiner Insel bereits einen Aufstand oder so mitgemacht hat, sein Wissen darum nach New York überführen. Im Endeffekt siegen konnte die herrschende Klasse, so eine These des Buchs, indem sie u.a. durch die "Erfindung" des Rassismus und dessen rechtliche Umsetzung die einzelnen Köpfe der Hydra voneinander trennte.
Gestört haben mich zwei Sachen: Obwohl all die unterschiedlichen Gruppen, Einzelpersonen, Revolutionäre, Intellektuelle etc. durchaus auch mal so dargestellt werden, dass sie auch für sich stehen können (bspw. die Maroons), wird mir hier zu oft alles und jeder immer unter "Proletariat" gepackt. Kann man natürlich machen, aber das verdeckt ein wenig, wie unterschiedlich die Ziele unterschiedlicher Gruppen häufig waren. Und trotzdem erwähnen sie richtigerweise, dass die Maroons, die erfolgreich waren mit ihren Widerstandsformen, dann zwar für sich unabhängig werden durften, aber ab dann vertraglich mit der Kolonie zusammenarbeiten mussten, umetwa entlaufende Sklaven wieder zurückzubringen. Also einerseits ist ihnen schon bewusst, dass das alles nicht eine Gruppe ist, andererseits aber irgendwie nicht. Da merkt man glaub ich sehr, dass die Globalgeschichte in den Jahrzehnten danach noch ordentlich daran anknüpfen und mehr ausdifferenzieren konnte. Aber die transnationalen Verbindungen und Netzwerke werden schon gut aufgearbeitet.
Was mir auch nicht gefiel ist, dass die Piraten hier ein bisschen zu positiv wegkommen. Ja, es stimmt, dass Piraten in der Karibik ihre Schiffe - die Maschine, das Produktionsmittel - an sich gerissen haben, dass es auf den Piratenschiffen gerne mal demokratischer zuging als anderswo, dass da für Freiheit und alles gekämpft wurde, aber dass das auch einfach skrupellose Mörder und Vergewaltiger gewesen sein konnten, wird nicht mal mit einem Wort erwähnt.
Schade ist auch, dass das Buch natürlich mehr oder weniger mit der "Abschaffung" der Sklaverei endet. Dass das aber bspw. auf den karibischen Inseln, auf den Plantagen, nicht unbedingt sofort eine Verbesserung für die nun nicht mehr "versklavten"; aber in ausbeuterischer Lohnarbeit gezwungenen Menschen war, weil die "Sklavenhalter" die Miete einfach so weit erhöhten, dass man die vom Lohn niemals hat bezahlen können, erfahren wir hier nicht. Der Widerstand hörte mit der "Abschaffung" der Sklaverei nicht auf. Aber gut: Ein Buch muss ja irgendwann mal zu Ende sein.
Das sind aber nur kleine Kritikpunkte, das Buch ist sehr lesenswert, wenn man sich für diesen Raum in der Welt interessiert, wer Freund des Hafens ist, wer die Verschwörungen in den Tavernen miterleben will!
Lustiger Sidenote: Immer wieder werden hier Gesellschaftsformen angesprochen, die als urkommunistisch bezeichnet werden (also Selbstversorger-Gesellschaften unter Natives oder von Gestrandeten gegründet etc.). Das gibt es ebenso in der christlichen Variante. Urchristlicher Urkommunismus sei etwas, das zu erreichen sei. Auch Engels schrieb über sowas in seiner Bauernkriegsstudie, wo er Thomas Müntzer zum Kommunisten hochstilisiert.