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Ich hab von Julia Zeh 'Unter Leuten', 'Über Menschen' wie auch 'Leere Herzen' gelesen und fand die Werke eigentlich alle ganz gut. Ich komm jetzt nicht aus dem Osten aber vom Dorf und da erkennt man manches durchaus wieder, so einen Charakter wie Gote findet man auch da, genau wie die Verhältnisse Alteingesessene und Zugezogene recht gut beschrieben sind. 'Leere Herzen' dagegen ist dann eher ein Zukunftsbuch dass einen möglichen AfD-Wahlsieg im Hintergrund hat (die heißen da natürlich nicht AfD sondern Besorgte-Bürger-Bewegung). Das fand ich auch ganz interessant, weil da einiges durchaus realistisch klang wie die als alleinregierende Partei Zug um Zug Elemente der Demokratie abbaut.
Zumal das Buch aus 2017 damals schon einige Dinge prognostizierte, die der Realität recht nahe kommen (Verfall der Uno, Entwicklung Trump/Putin..) und erklärt ganz gut warum Nationalismus und Extremismus immer weiter zunehmen.
Stimmt, "Leere Herzen" gab es ja auch noch. Habe ich zwar gelesen, ist aber ein wenig untergegangen bei mir. Typische Fiktion, aktuelle Entwicklungen in die Zukunft projizieren und mögliche Folgen beschreiben. Das war im etwa die Zeit, wo mir ein Arbeitskollege Bücher genannt hat, die er aus politischer Überzeugung nie lesen würde. Da war das neben Unterwerfung und Die Kandidatin dabei.
Ich finde, Juli Zeh ist eine gute Beobachterin, die Figuren gerade in "Über Menschen" und "Unterleuten" sind zwar leicht überzeichnet, aber gerade das macht den Zusammenstoß der Kulturen so deutlich. Da ist der sich selbstbezeichnende "Dorfnazi" zwar ausländerfeindlich, aber dennoch ein sorgsamer Familienvater und die abgehobene Großstadtfrau verzweifelt zwar am ÖPNV, ist im Kern aber weniger arrogant als von den Dorfbewohnern erwartet und will auch nicht unbedingt einen Caffe Latte mit Sojamilch. Vorurteile treffen auch Wirklichkeit und die Wahrheit liegt wie immer dazwischen.
Ja, ich mag Juli Zeh.
Ich nicht, was Teil meines Punktes war. Ich rede dann halt von ihr als öffentlich auftretender Person, wo ich mir dann anfange Gedanken zu machen ob ihre letzten Bücher nicht viel mehr ihre Überzeugung hin zur AFD und weniger ne neutrale Entwicklung widerspiegeln. Ich finde sie spielt was vor und das nervt mich bisschen bzw. habe ich zu oft gesehen. Ich bin sehr interessiert wo sie in zwei bis drei Jahren öffentlich steht.
Unterwerfung fand ich übrigens ausgezeichnet. Hollebueqs Überzeugung Brauch mant noch viel weniger diskutieren. Umso besser funktioniert dieses Buch, wo er ne schwache linksliberale intellektuelle Klasse beschreibt, aber wenn man wirklich drüber nachdenkt eher er selbst ist. Das funktioniert halt gut, weil ich mir als Leser gar keine Gedanken machen muss, was für jemand dahintersteht. Hilft natürlich das der Typ besser schreiben als Constantin Schreiber der das ja versucht zu kopieren. Die Kandidatin ist nicht nur schlecht geklaut, sondern auch schlecht geschrieben.
Wie kommst du darauf Juli Zeh würde sich hin zur AfD entwickeln? Sie tritt ja auch öffentlich als überzeugte AfD-Gegnerin auf und ist offizielles SPD-Mitglied.
Hm, angesichts der Off-Topic-Regeln hier, würde ich es zwar für okay halten über Autoren so zu reden wie bisher, aber das wäre ja schon eher reine Politik. Mein Punkt ist ja eher, dass manche Autoren über ihr Werk hinaus präsent sein wollen wie Kling und Zeh und das dann eben Kritiker auf den Plan ruft, die sonst nichts mit dem Werk zu tun haben. Ein weiteres Beispiel wäre Kehlmann, aber eher in dem Sinne was für ein langweiliger Mensch mit langweiligen Ansichten er zu sein scheint, wenn ich nur seine Interviews betrachte....wenn man aber seine Bücher liest, kriegt man dann zu sehen was in ihm steckt.
Abschließend zu Zeh @Pepsi Plunge: Ich will sie dir nicht madig machen, es gibt für mich sehr klare Tendenzen in den letzten Jahren. Die kann man aber auch ignorieren, wenn man ihr Werk genießen will. Als öffentliche Person finde ich sie schwer zu ertragen, aber auch das ist sicherlich Geschmackssache.
Bellmann, W. (Hg.): Klassische deutsche Kurzgeschichten. Stuttgart: Reclam, 2003.
Markovits, D.: The Meritocracy Trap: How America's Foundational Myth Feeds Inequality, Dismantles the Middle Class, and Devours the Elite. New York: Penguin Press, 2019.
Festa, F. / Kettlitz, H. (Hg.): 100 Jahre Weird Tales. Jubiläumsedition. Band 2: 1930 bis 1936. Leipzig: Festa Verlag, 2023.
Linden, M. van der / Mergner, G. (Hg.): Kriegsbegeisterung und mentale Kriegsvorbereitung. Interdisziplinäre Studien (Beiträge zur Politischen Bildung. Bd. 61). Berlin: Duncker & Humboldt, 1991.
Szabo, S. (Hg.): Kultur des Vergnügens. Kirmes und Freizeitparks – Schausteller und Fahrgeschäfte. Facetten nicht-alltäglicher Orte. Bielefeld: transcript Verlag.
Schmitz, R. S. / Becker, M. / Gampert, N. (Hg.): Kulturelle Spiegelungen zwischen H. P. Lovecraft und Deutschland. Freiburg: wbg Academic, 2024.
Machen, A.: Die weißen Gestalten. Erzählungen. München: Piper, 1993.
Allende, I.: Das Geisterhaus. 34. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1988.
9. Barker, C.: Das vierte Buch des Blutes. München: Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., 1991.
Nach einer langen Pause von Clive Barker hab ich mich endlich dazu durchgerungen, mal wieder ein paar seiner Kurzgeschichten zu lesen. Und wie gewohnt war ich nach nur wenigen Sätzen bereits wieder vollends gefesselt!
Leibregime ist sehr typisch Barker: Eine endlos strunzdämliche Idee, die er aber konsequent und auf wunderbare Weise durchzieht. Was wäre, wenn unsere Hände sich von der Diktatur unseres Gehirns trennen und ohne den Körper leben wollten? Nun, hier haben die Hände Autonomie und planen eine Revolution. Absurd, lustig, klasse! Natürlich habe ich sofort nachgesehen, ob das bereits verfilmt wurde. Ja, glaub für’s Fernsehen. Das muss ich sehen!
In Das nichtmenschliche Stadium geht es um eine Clique kriminell veranlagter Jugendlicher, die einen vermeintlichen Obdachlosen überfallen und verprügeln. Zur Beute gehört ein Bändchen mit drei Knoten. Einer der Jungs macht sich daran, diese zu öffnen – mit denkbar blutigen Konsequenzen! Hat mir gefallen.
In Offenbarungen müssen während einer stürmischen Nacht ein chauvinistischer Wanderprediger und seine Frau in ein für einen Mord berüchtigtes Motelzimmer einchecken. Eine spannende, humorvolle Geschichte mit interessanten Charakteren. Ich mag so Motel-Atmosphären eh immer!
Erscheine, Satan! hat eine interessante Prämisse: ein stinkreicher Gläubiger will Gott sehen, schafft das aber nicht so ganz und heckt dann den grandiosen Plan aus, all sein Geld in einen Höllenpalast für Satan zu investieren, damit dieser erscheine und aufgrund dessen Gott erscheinen müsse, um zu intervenieren. Leider bleibt die Kurzgeschichte bis auf ein paar Andeutungen von gutem Witz weit hinter der Idee zurück. Ich glaube, das ist die erste Kurzgeschichte von Clive Barker, die mich enttäuscht zurückließ.
Das Zeitalter der Begierde ist ebenfalls typisch Clive Barker. Eine seiner „sich buchstäblich zu Tode ficken“-Geschichten, hier in einer Variation aus dem Labor, wo ein geheimes Experiment an Affen und Mensch ausgeführt wurde, das Sex zu einem rein mechanischen, gewaltsamen biologischen Zwang verkommen lässt. Hat mir wieder sehr gut gefallen. Ist nicht ohne, denn sexualisierte Gewalt spielt hier eine zentrale Rolle. Clive Barker schildert sowas immer verblüffend nonchalant (ohne es aber zu glorifizieren, versteht sich).
Auch nach der vierten Kurzgeschichtensammlung von Clive Barker gilt: Er hat’s einfach drauf.
Bellmann, W. (Hg.): Klassische deutsche Kurzgeschichten. Stuttgart: Reclam, 2003.
Markovits, D.: The Meritocracy Trap: How America's Foundational Myth Feeds Inequality, Dismantles the Middle Class, and Devours the Elite. New York: Penguin Press, 2019.
Festa, F. / Kettlitz, H. (Hg.): 100 Jahre Weird Tales. Jubiläumsedition. Band 2: 1930 bis 1936. Leipzig: Festa Verlag, 2023.
Linden, M. van der / Mergner, G. (Hg.): Kriegsbegeisterung und mentale Kriegsvorbereitung. Interdisziplinäre Studien (Beiträge zur Politischen Bildung. Bd. 61). Berlin: Duncker & Humboldt, 1991.
Szabo, S. (Hg.): Kultur des Vergnügens. Kirmes und Freizeitparks – Schausteller und Fahrgeschäfte. Facetten nicht-alltäglicher Orte. Bielefeld: transcript Verlag, 2009.
Schmitz, R. S. / Becker, M. / Gampert, N. (Hg.): Kulturelle Spiegelungen zwischen H. P. Lovecraft und Deutschland. Freiburg: wbg Academic, 2024.
Machen, A.: Die weißen Gestalten. Erzählungen. München: Piper, 1993.
Allende, I.: Das Geisterhaus. 34. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1988.
Barker, C.: Das vierte Buch des Blutes. München: Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., 1991.
10. Walpole, H.: Schloß Otranto. Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 1983.
11. Frei, N. / Rigoli, D. (Hg.): Der Antikommunismus in seiner Epoche. Göttingen: Wallstein Verlag, 2017.
Schloß Otranto (The Castle of Otranto)
Ich habe nie den recht kurzen Roman gelesen, der das Untergenre Gothic Novel 1764 begründete.
Schon auf der ersten Seite zeigt sich, was sich als Problem herausstellen sollte: Es sind für so ein kurzes Büchlein zu viele Figuren, zu denen sich später zu viele Handlungsstränge gesellen, um hier die gewünschten Effekte aufkommen zu lassen.
Zwar sind alle Zutaten einer alten gruseligen Burg da – alte, labyrinthische Gänge, Geister, die aus Gemälde schlüpfen, klirrende Ritterrüstungen und der Gleichen mehr –, aber nie wird dem meiner Ansicht nach wichtigsten Aspekt dieses Genre genug Raum gegeben: Atmosphäre. Die kann sich hier nicht entfalten, weil man von einem Happening zum Nächsten huscht. So endet es dann auch in einem Schwall aus Erklärungen, die von Figuren heruntergebeten werden. Generell neigt auch der Erzähler zu sehr dazu, etwa die List des Tyrannen, dem Fürsten von Otranto Manfred, gleich als Solche auszuzeichnen, damit man bloß nicht mitdenken muss, wenn er seine Intrigen spinnt. Wäre etwas „undurchsichtiger“ interessanter gewesen.
Die Figuren sind die vorstellbar klischeehaftesten, die ihre aufklärerischen, moralischen Tugenden so offensichtlich und geschwollen wie möglich vortragen müssen. Das ist wenig überraschend und mir auch an sich gar kein Dorn im Auge, aber der eigentliche Star der Show, das Schloss, kommt eben nie zum Zuge. Selbst E.T.A. Hoffmanns Vampirerzählung, die, wäre sie nicht in komplexe, reflektierende Rahmengespräche der Serapionsbrüder eingebettet, durchaus als plump gelten könnte, sprudelt im Vergleich nur so vor Atmosphäre!
Ich hab es trotzdem ganz gerne gelesen. Mein Anspruch ist auch nicht, dass es die Höhen der Großmeister des Genres erreicht, aber es ist schon erstaunlich, dass ich gerade die Merkmale des Unheimlichen hier nicht sonderlich gut umgesetzt sehe. Eigentlich stellte sich bei mir lediglich in der kurzen Gemälde-Szene ein wohliges Gefühl ein.
Vielleicht trug die gewisse Unbeholfenheit, die unfreiwillige Komik, der äußerst seichte Grusel sogar zum Erfolg des Textes bei – die Parodie der Gothic Novel, die bspw. Oscar Wilde mit seinem Gespenst von Canterville vorlegte, ist hier schon angelegt!
Horace Walpole mag ein Werk geschaffen haben, das tendenziell zurecht immer mehr in Vergessenheit gerät, aber doch eine genügend erfolgreiche und einflussreiche Schablone bot, die bessere Autorinnen nutzen konnten. Hätte es die Schauerliteratur auch ohne ihn gegeben? Sicher. Aber sie hätte anders ausgesehen. Ob Ann Radcliffe, Mathhew Lewis, Bram Stoker oder Edgar Allan Poe, alle verdanken sie ihm, ein Fundament gelegt zu haben, und das ist ja schon mal was.
Der Antikommunismus in seiner Epoche
In diesem Sammelband geht es um den Antikommunismus als Denkgebäude (also es geht nicht um eine [mitunter positive] Werthaltung dem Kommunismus gegenüber oder sowas).
Dazu ist es in drei Teile gegliedert: I. Antikommunismus im Entstehen, wo die Ursprünge des Antikommunismus, der gerne auch lange vor Entstehen realsozialistischer Staaten entstand, beleuchtet werden.
II. Antikommunismus als Weltanschauung schaut sich bspw. an, wie der Antikommunismus (bzw. Antibolschewismus) der Nazis aussah. Interessant ist auch ein Artikel zum internationalen Liberalismus, dem lange stärksten Antagonisten des internationalen Kommunismus.
III. Antikommunismus an der Macht: Hier wird sich bspw. der Antikommunismus im italienischen Faschismus angesehen, wo Mussolini gleich 8 parallellaufende Geheimpolizeien Terror hat verbreiten lassen. Auch der Antikommunismus in der Franco-Diktatur Spaniens wird beleuchtet. Dann geht es nochmal nach Deutschland, um den spezifischen Antikommunismus der Adenauer-Ära anzusehen, bevor es zuerst um den paranoiden, an Wahn grenzenden Red Scare in den USA geht und schließlich um den aus der Zeit gefallenen Antikommunismus von Reagan, dessen scharfe Rhetorik gegen die Sowjets oft im Widerspruch zu seinem gemäßigten Umgang mit ihnen stand. Sicherlich hat es kommunistische Bewegungen in USA gegeben und es gab auch sowjetische Spione, aber das alles erreichte nie ein Level, das vor allem die 1. Welle des Antikommunismus, bei dem jeder noch so schreckliche Diktator unterstützenswert war – Hauptsache, er kümmert sich um die Rote Gefahr –, hätte rechtfertigen können.
Am Eindrücklichsten war, wie eng verknüpft Antikommunismus und Antisemitismus in großen Teilen Europas waren. Die Bolschewiken als jüdische Weltverschwörer zu imaginieren, war kein genuines Nazi-Ding. Eigentlich gab es kaum jemanden (beispielhaft auch: polnische oder ukrainische Nationalisten), der Kommunismus nicht mit einer jüdischen Verschwörung gleichsetzte (auf der anderen Seite hatten diese Akteure natürlich auch unter dem Bolschewismus zu leiden, ist ja alles keine Einbahnstraße). Selbst in Ungarn war dies der Fall, obwohl es keine oder so gut wie keine jüdischen Akteure im ungarischen Fehlversuch des Kommunismus gegeben hatte.
Worum geht es? Es spielt in einem alternativen British Empire der 1830er. Das alternative an dieser Welt: Es gibt magisches Silber, welches durch Sprachsymbiose magische Fähigkeiten besitzt und zwar geht es hier um Übersetzungen bzw. hidden meanings von verschiedenen Wörtern und Wortbedeutungen in verschiedenen Sprachen, wodurch man alles mögliche freisetzt, was man sich so unter Magie vorstellt. Das britische Empire ist hier führend und Kolonialismus gibt es ebenfalls aus diesem Grund, da dieses Silber rar ist und man immer mehr davon braucht.
Die Handlung dreht sich um einen chinesischen Waisenjungen, der von Zwirbelschnurzbartbritishvillain V. adoptiert und erzogen wird um später nach Oxford zu gehen. Es ist offenbar ein übliches System das mit Kolonial-Kindern zu tun und zwar aus dem Grund das diese hidden-meanings-Technik mit den europäischen Sprachen bereits mehr oder weniger ausgereizt ist und Kinder die dann chinesisch oder sonstwas exotisches in den Mix bringen, geborene Weiterentwickler dieser Magie sind. Das ganze findet in einem Institut statt, welches den Spitznamen Babel hat. Der Junge findet dort Freunde, geht zur Schule, merkt natürlich das alles böse ist und irgendwann entsteht Widerstand usw. usw.
Das Ding mit der Sprache ist eindeutig die große Stärke des Romans. Anscheinend ist das auch der Background und die Abschnitte im "Sprachlabor" sind mit Abstand die Elemente im Roman, die ein Alleinstellungsmerkmal haben. Andere Dinge wie die Schulhandlung, was von der Erzählweise typisch Harry Potter ist, sind deswegen so schwach, weil die Charaktere derartig eindimensional daherkommen und deren Freundschaften die Definition von telling but not showing sind, dass man sich einfach nicht in sie hineinversetzen kann.
Bei einer bestimmten Figur konnte man bis zum Ende nicht nur nicht wissen auf welcher Seite sie steht, wenn sie aber stattdessen revealed hätte, das sie die Ziege mit den tausend Jungen ist, wäre das zumindest kein Widerspruch zur bisherigen Handlung gewesen. Dann ist da eben auch die Motivation gegen diesen Kolonialismus zu kämpfen. Im Englischen hat es den Untertitel: the Necessity of Violence. Diese Studenten sind aber zu 100% Nutznießer und Gewinner dieses Systems und auch wenn sie Rassismus erfahren, ist ihnen das im Grunde nur wichtig, weil es ihnen persönlich passiert. Es gibt buchstäblich eine Szene eines sexuellen Übergriffes auf eine weiße Freundin, die dann von der Gruppe abgekanzelt wird, weil sie wirkliche Diskriminierung ja gar nicht verstehen würde....hui.
In einer anderen Szene kommt der Protagonist nach China, aber anstatt sich mit den dortigen Leuten bekannt zu machen, schwurbelt er sich da einen von kolonialem Widerstand zusammen...gegen wen und für was? In einer weiteren Szene wird er mit Arbeitern konfrontiert, die durch die Magie ihren Job verloren haben und checkt überhaupt nicht was die haben, weil er eben oben in der Gesellschaft ist. Mit anderen Worten: weiße Engländer böse, egal ob arm oder reich....Migrations-Hintergrund gut, ob dahinter Wohlstand und Macht steht ist egal. Dabei wir Diskurssprache benutzt, die aus dem 21. Jahrhundert kommt und einen völlig rausreißt und selbst Widerstandskämpfer gegen den Kolonialismus im 19. Jahrhundert niemals so benutzt haben.
Es gibt einen Verräter in der Handlung, eine Figur deren Handlungsweise eine derartig selbsterfüllende Prophezeiung sind, dass es fast wie Satire wirkt...da sie von den Freunden mit indischem, chinesischen oder karibischen Hintergrund gezielt ausgeschlossen und nie ins Vertrauen gezogen wird, aber spuren soll, ohne das ihr die Motive der anderen erklärt werden.
Letzter Punkt: Das ganze könnte man retten, denn eine gute Alternativwelt, braucht keine starken Charaktere....aber diese ist derartig faul und unterscheidet sich 0,0 von unserer Welt. Dieses Magiesilber gibt es seit römischen Zeiten, aber die Nationen und Machtverhältnisse sind genauso wie in unserem 1830. Das Fantasyelement ist völlig egal. Das macht übrigens auch den Antikolonialismus so absurd. 1830....böses Empire....alternative....der Kaiser von China? Das Rajareich? Macht überhaupt keinen Sinn und die Hauptcharas verschwenden keinen Gedanken daran....weil sie halt reiche, überpriviligerte Studenten sind.
Wenn man sich mit der Autorin danach ein bisschen beschäftigt...versteht man einiges. Schade, die hat schon einiges geschrieben und ist in aller Munde, aber mich hat schon lange kein Buch mehr so aggressiv gemacht. Eventuell sollte man sowas mal den Fleischhauers dieser Welt geben...das hier meinen sie und nicht den Quatsch den sie über vermeintlich woke Medien sonst so erfinden.
Da muss ich irgendwie an Identitti (2021) von Mithu Sanyal denken, obwohl der im Grunde keinerlei Gemeinsamkeiten hiermit hat außer eben, dass es um Themen wie Rassismus, (Post)Kolonialismus etc. geht (geht dort um einen Skandal, bei dem eine "schwarze" Dozentin an der Düsseldorfer Uni eigentlich "weiß" ist - was sich wiederum auf einen echten Fall bezieht). Der Roman aber ist äußerst clever und verbaut dutzende Theorien von Postkolonialismus (Spivak, Thiongo, Fanon, etc.pp.), Judith Butler (ein ganz kleiner Hauch Karl Marx ist auch zu finden), die "manosphere" von Peterson et al, echte Geschehnisse und Diskurse (bspw. trans Debatte um Rowling), die Funktionsweise von Social Media (Dynamiken der Aufmerksamkeitsökonomie) usw. auf geniale Weise. Und das alles, ohne in solche Fettnäpfchen zu treten wie das dein vorgestellter Fantasy-Roman tut. Absolut großartiger Roman, der niemals so einen belehrenden Ton annimmt und auch nicht solche "Antworten gibt", die man von zynisch-rechter Seite vll erwarten würde. Hab schon von Rechten gehört, die das gelesen haben und ganz verblüfft waren, dass das Buch ernstzunehmen ist, ja auch das sie als Leser ernstgenommen wurden. Ein super Diskursbeitrag!
Man kann solche Diskurse eben auch gut verpacken ...
Guck ich mir mal an. Tarantino hat mal gesagt das man als Künstler niemals denken sollte schlauer zu sein als sein Publikum und es zum Beispiel belehren zu wollen. Kuang betrachtet ihr Publikum allerdings offenbar so. So viel ich geschrieben habe, muss man es eigentlich gelesen haben wie plump diese Antiimperialismussvorträge in dieser Handlung wieder und wieder und wieder vorkommen. Ich lese halt gerade son bisl darüber wieviele Preise dieses Buch gewonnen hat...seh ich was nicht, was andere sehen? Oder ist das anderen Lesern wirklich so neu? Ich meine das ist doch noch teilweise unter Schulwissen....geschweige denn Interesse an so einer Epoche.